Black Elk und der Ritus des Verwandtschaftsmachens

 

“Großer Geist, bewahre mich davor, über einen Menschen zu urteilen, ehe ich nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bin“ (Gebet der Sioux)

 

Er war einer der charismatischen letzten großen Häuptlinge der Lakota; Hehaka Sapa, allgemein als Black Elk (Schwarzer Hirsch) bekannt, ein Visionär, der ahnte, dass er sein von alters her überkommenes, einst geheimes Wissen der Lakota nun weitergeben müsse, auch in die Hände der Weisen, um dieses Wissen zu bewahren, damit es zur gegebenen Zeit seinem Volk wieder zur Verfügung stehen könne. 1863 am Little Powder River (als Sohn eines Heilers der Oglalla-Sioux) geboren, erlebte er mit 12 Jahren (1876) die Schlacht am Little Big Horn und überlebte das Massaker am Wounded Knee 1890 nur schwer verletzt. Schon in der Kindheit, im Alter von 9 Jahren, erschütterte ihn die Gewalt von Visionen (in den Black Hills auf dem Harney Peak), das Wirken der „Donnerwesen“ – wie er sie nannte - die ihm nach eigenem Bericht mythische Kräfte der Lakota-Religion verliehen und Einblicke in eine andere geistige Welt gestatteten. Erst mit 18 Jahren konnte er dem Drängen der „Donnerwesen“ nicht länger widerstehen und „outete“ sich öffentlich während eines Tanzes. Die Lebensreise des nun gefragten „Wichasa Wakan“ (Medizinmann, heiliger Mann), die ihn u.a. auch mit dem einstigen Büffeljäger William Frederick Cody (Buffalo Bill) als Teil von dessen Wildwest-Show 1887 nach England (zum Kronjubiläum Königin Victorias) über Frankreich und Deutschland nach Italien führte, entsprang seinem Wunsch, das Wesen und Leben der Weißen kennenzulernen und den Ursprung ihrer Kraft, die den nordamerikanischen Kontinent überrollte und die indianischen Stämme aus ihren angestammten Siedlungsgebieten verdrängte.  Das Christentum berührte ihn zutiefst, in ihm sah er den Ursprung jener geheimnisvollen Kraft der Weißen und der tiefe Wunsch, nach Palästina zu reisen, Jerusalem zu sehen, festigte sich, doch diese Sehnsucht erfüllte sich zu seinem größten Bedauern nicht, und so kehrte er mit Hilfe von Buffalo Bill 1889 in die Pine Ridge Reservation zurück mit einer Anstellung in einem Laden. Der christlich geprägte neu geschaffene, von den Weißen falsch verstandene Geistertanz, der schlussendlich 1890 in das Massaker von Wounded Knee mündete, faszinierte auch Black Elk,  der schmerzhaft erkennen musste, dass die in diesen Tanz gesetzten Hoffnungen - die Auferstehung aller Getöteten als große Armee, die sich und allen Stämmen, den Tieren und der Natur zu dem angestammten Recht verhilft -  sich nicht erfüllen sollten. Nach der Heilung seiner Verletzungen, die er in diesem Massaker davon getragen hatte, widmete er sich seinem Volk sehr erfolgreich als Heilkundiger.

 

 

Zwei Ehen schloss Black Elk: 1892 mit Katie War Bonet, die ihm 3 Söhne gebar, von denen der Älteste schon im Kindesalter 1895 starb und Katie 1903. Mit der Witwe Anna Brings White schloss er 1906 die zweite Ehe, einer in der Gemeinde sehr rührigen Frau und äußerst aktivem Mitglied im St. Marien-Verein. Der am 6. Dezember 1904 zum Christentum konvertierte Lakota, von dem Jesuitenpater Joseph Lindebner aus Mainz auf den Namen Nicholas getauft, betätigte sich sehr erfolgreich als geachteter Katechet, der  in den Gemeinden in  der Lakotasprache predigte, sang und im Katechismus unterrichte, selbst missionierte, half eine Gemeinde in Yankton aufzubauen und dabei sein als Katechet verdientes Geld in sowohl christlicher Vorstellung als auch in indianischer Tradition als „heiliger Mann“ unter die Bedürftigen verteilte. 

 

Es waren drei Weiße, die dem Weisen aus dem Stamm der Oglalla-Sioux zu dauerhaftem Ruhm auch in Europa verhalfen:

 

P. Buechel, der sich um den Erhalt der Lakotasprache verdient gemacht hat, der Dichter John G. Neihardt aus Nebraska, den Black Elk adoptierte und der wesentlich zu dem Buch „Black Elk speaks“ durch seine Interviews beigetragen hatte, ein Buch das überraschend die tiefe Verwurzelung des katholischen Musterkatecheten in der Lakotareligion aufzeigte. Von diesem Buch tief beeindruckt stattete 1947 Joseph Epes Brown, damals noch College-Student, den heiligen Mann der Lakota auf, der ihn acht Monate bei sich in Manderson wohnen ließ, eine fruchtbare Verbindung, aus der schließlich das Buch „The sacred pipe“ hervorging mit der Religion der Lakota und ihren alten Riten.

 

Näheres zum alten Ritus der Lakota vom Verwandtschaftsmachen

Der Wunsch Hehaka Sapas, Brücken zu bauen zwischen den Völkern und zum Verständnis wahren indianischen Wesens beizutragen und seines eigenen, christlich beeinflussten „Gottesverständnisses“, in Übereinstimmung mit der traditonellen „Religion“ der Teton-Sioux, ließ ihn – wie schon erwähnt - Werke wie „Ich rufe mein Volk“ und „Die heilige Pfeife“ verfassen, Letzteres wurde 1948/1949 veröffentlicht (1968 in deutscher Sprache).

So schrieb er in seinem Vorwort am 25 Dezember 1947 wörtlich:

„…Wir sollten verstehen, dass das alles das Werk des Großen Geistes ist. Wir sollten wissen, dass ER in allen Dingen ist: In den Bäumen, den Gräsern, den Flüssen, den Bergen und all den vierbeinigen Tieren und den geflügelten Völkern; und was noch wichtiger ist: wir sollten wissen, dass ER auch über all diesen Dingen und Wesen ist. Wenn wir all das tief in unseren Herzen erfassen, dann werden wir den Großen Geist fürchten, lieben und kennen; und dann werden wir uns bemühen, so zu sein, so zu handeln und so zu leben, wie ER es will“.

In seinem Wissen aus uralten Quellen sind die Riten noch  in ihrer Ursprünglichkeit bewahrt, ohne Abweichungen späterer Zeiten, vor allem aus der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Unter den Aufzeichnungen Black Elks findet sich u.a. ein in Europa weitgehend unbekannter, jedoch sehr beeindruckender Ritus: Hunkapi-uitschochan – das Verwandtschaftmachen.

In diesem Ritus soll – lt. Black Elk – eine irdische Verwandtschaft begründet werden, als Spiegelung einer wirklichen  Verwandtschaft, die zwischen den Menschen und dem Großen Geist besteht. So wie der Mensch an erster Stelle Wakan Tanka – den Großen Geist – liebt, sollten auch die Mitmenschen geliebt und eine engere Verwandtschaft mit ihnen geschlossen werden, selbst wenn sie einem anderen Stamm angehören (hier gilt für unsere Zeit einer anderen Nation, einem anderen Volk, einer anderen Religion oder Partei).

Zu den 7 Riten der Weißen-Büffelkuh-Frau, die sie anfangs versprochen hatte, zählt das Verwandtschaftmachen, das damit den Willen des Großen Geistes impliziert.

Wundersam ist die Geschichte von Mato Hokschila, dem „Bärenknaben“ und seinen Visionen, die zur Entstehung dieses Ritus führten, einem heiligen, weisen Mann der Lakota. Mais spielt darin eine wichtige Rolle, eine Pflanze, die zuvor nicht auf dem Gebiet der Sioux zu finden war. Doch in  Mato Hokschilas Visionen zeigte sich ein Stück Land, mit Mais bewachsen, das er auf dem Weg nach Südwesten genauso vorfand, wie es die Vision gezeigt hatte. Ohne zu wissen, dass dieser Mais dem Volk der Rie, mit dem Sioux schon in einem lange währenden Krieg lagen, sehr heilig und wichtig war (wie den Lakota die Heilige Pfeife) und ihnen gehörte, brachte er die Maiskörner in seine Heimat und zu seinem Volk. Doch die Rie vermissten ihren heiligen Mais, besuchten mit reichen Geschenken – u.a. mit dem begehrten „gezöpfelten“ Tabak – das Lager der Sioux und verlangten den Mais, ihr Eigentum zurück. Es versteht sich, dass diese Friedensgabe freudig angenommen wurde, während Bärenknabe die Bedeutungs seiner Vision verstand, nämlich dass eine dauernde Verwandtschaft mit dem Volk der Rie geschlossen werden müsse, die dauerhaft bis zum Ende des Zeitalters währen solle, als Beispiel für alle Stämme. Freudig ermächtigten die Lakota Mato Hokschila, den Bärenknaben, durch den Hunkapi-Ritus, den Frieden einzuleiten und vergaß dabei auch nicht zu erwähnen, dass die Sioux noch ein tieferes Geschehen planten, als den einfachen Friedenschluss. Auf Anweisung des weisen Lakota errichteten die Rie ein Ritualzelt, bestimmten einen ihrer Leute als Vertreter des ganzen Rie-Stammes, der über Bärenknabe zu singen habe, der seinerseits den ganzen Sioux-Stamm vertrat. Die Vorbereitungen gestalteten sich ähnlich wie die der C’anunpa, der Heiligen Pfeife: Ein sauberer Platz in der Mitte, mit fünf  glühenden Kohlen und Süßgras belegt, aufsteigender duftender Rauch, begleitet von einem Gebet: „O Altvater Wakan Tanka, betrachte uns! Hier wollen wir Verwandte und Frieden machen; es ist dein Wille, das dies geschehe. Mit diesem Süßgras, das Dein ist, mache ich jetzt Rauch, der zu Dir aufsteigen soll. In allem, was wir tun, bist du zuerst, und dann diese, unsere Mutter Erde ist das Zweite, und ihr am nächsten sind die sieben Weltgegenden. Indem wir diesen Ritus ausführen, erfüllen wir deinen Willen auf Erden; wir wollen Frieden machen, der bis ans Ende der Zeit dauern wird. Der Rauch dieses Süßgrases soll über allem im Weltall sein. Es ist gut!“ Die ganze erforderliche Ausrüstung (eine Pfeife, vier Maiskolben mit Ähren, ein Maiskolben ohne Ähren, ein Bisonschädel,   gedörrtes Bisonfleisch, rote und dunkelblaue Farbe, Adlerdaunen, ein Messer und eine getrockenete Bisonblase) wurde an einem Trockengerüst aus drei Stäben über dem Rauch geweiht zum anschließenden Ritus der Heiligen Pfeife mit Gebeten und den rituellen Zwiegesprächen mit Fragen und Antworten, die geheiligte Büffelblase wurde in alle Richtungen dem Volk der Sioux gezeigt, nach dem Grund dieses heiligen Opfers gefragt, antwortete der Abgesandte der Rie: „Ja, wir wünschen Verwandtschaft mit euch zu haben, die so eng ist, wie die Verwandtschaft, die zwischen euerm Volk und Wakan Tanka besteht!“ Um zu zeigen, dass das Friedensopfer der Rie angenommen worden war, versorgte man es in der Spitze des 28. Zeltpfahles (die 28 Zeltpfähle als Symbol für Wakan Tanka). Damit war das Anbieten des Friedensopfers beendet, die Rie kehrten in ihre Zelte zurück und die Vorbereitungen für den nächsten Tag und damit den zweiten Teil der Zeremonie begannen. ..

 

Ende des ersten Teils